“Wahrsager und Vorahnungen im fantastischen Rollenspiel”

Pythagoras, dargestellt auf einer antiken Münze

Pythagoras, Gründer der Schule und Bruderschaft der Pythagoreer

Ein beliebtes Thema im fantastischen Rollenspiel ist die Vorhersage der Zukunft, sei es durch Omen, Visionen, Vorahnungen, Träume, Zauber oder Weissagungen zum Beispiel mit Karten oder Runen. Dadurch, dass (so nehme ich an) die Mehrheit von uns mit solchen Dingen wenig Berührung im Alltag hat, können wir auch im Rollenspiel keine andere Erklärung als „göttliche/magische Macht“ liefern. Gespräche mit Bekannten, die solche Phänomene in ihrem Alltag durchaus erleben, haben mir den Eindruck vermittelt, dass es sich hierbei gefühlsmäßig eher um Erinnerungen handelt. Zum Beispiel fällt einem aufgrund einer Äußerung einer anderen Person plötzlich (wieder) ein, wie die nahe Zukunft aussehen wird.

Das hat mich auf folgenden Gedanken gebracht: Wir können die Zeit als eine weitere Dimension betrachten, welche eine erfassbare Größe darstellt wie Länge, Höhe und Breite. Weiterhin gehen wir davon aus, dass wir diese nicht in ihrer Gesamtheit von außen betrachten und begreifen können, so wie ein zweidimensionales Wesen die dritte Dimension nicht von außen betrachten kann. Denken wir dann, dass unser unsterblicher Geist (nehmen wir jetzt mal D&D) die Möglichkeit hat, losgelöst von seinem weltlichen Gefäß, ungebunden diese zusätzliche Dimension zu erfassen, denn er steht außerhalb von Raum und Zeit.

Nehmen wir einen Esstisch: Ich sehen seinen aktuellen Zustand. Trete ich nun aus der Zeit heraus, dann sehe ich seinen Zustand am Morgen, am Mittag und am Abend, und zwar gestern, heute und morgen.

Nun der Kern des ganzen: In der Zukunft wird die Vergangenheit geschehen sein. Ich weiß heute, was gestern war. Ich werde übermorgen wissen, was morgen war. Wenn also irgendein Teil von mir die zusätzliche Dimension der Zeit erfassen und betrachten kann, dann ist alles, was ich bis zum Ende meiner Existenz wahrgenommen habe, eine Erinnerung. Es ist ein Paradoxon allererster Güte: Ich habe zwar den freien Willen, mein Leben zu gestalten, aber letztendlich wird es vergangen sein und damit wird es zu einer Tatsache und zur Erinnerung. Der nächste Schritt ist dann, dem Geist auch den Zugriff auf fremde Erinnerungen (das globale Bewusstsein) zu erlauben, um allumfassende (Vor-)Aussagen zu ermöglichen.

Da ich als Spielleiter die Ereignisse in meiner Kampagne, welche nicht durch die Spieler ausgelöst werden, bereits vorab definieren kann, habe ich die Möglichkeit, zumindest ein bisschen eine solche Perspektive einzunehmen und auch den Spielern zu vermitteln. Diese Fähigkeit ist dann nicht mehr länger abhängig von einer magischen oder göttlichen Macht, sondern jene Macht ist lediglich ein Mittel zur äußerlichen Betrachtung der Zeit; ein Werkzeug, wie auch Karten oder eine Trance sie darstellen können. Das macht es für mich im Spiel zu etwas Greifbarem.

Veröffentlicht am 18. März 2012, Keine Kommentare

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